Presseartikel über den Preisträger 2005
>Ein Künstler auf der Insel
>Eine atemberaubende Vision der Zukunft
>Titus Müller erhält den C.S. Lewis-Preis 2005
>Titus Müller überzeugt mit seinem Roman



Fabian Vogt
Geistliches Selbstbewusstsein verdient einen Preis

Laudatio zur Verleihung des C.S. Lewis-Preises 2005 an Titus Müller

Geistliches Selbstbewusstsein verdient einen Preis. Und was sich Titus Müller in seinem Roman „Die Siedler von Vulgata” erlaubt, kann man getrost eine kleine Dreistigkeit nennen.

   Schon der Titel ist ein charmantes Narrenstück sondergleichen. Der arme Kirchenvater Hieronymus, dem ja enorme Eitelkeit und Pedanterie nachgesagt wird, wäre wohl vor Zorn im trinitarischen Dreieck gesprungen, hätte er gehört, dass im 5. Jahrtausend nach Christus eine sektiererische Siedler-Kolonie auf dem obskuren Planeten Vanderbeyten den Namen seiner ach so sorgsamen Bibelübersetzung trägt.

   Und dass der Romantitel darüber hinaus mit dem Namen des erfolgreichsten Gesellschaftsspiels der letzten Jahre kokettiert, macht das Ganze nicht weniger frech.

   Aber schon hier wird deutlich: Titus Müller erweist sich als literarischer Schelm. Er verbindet den Reiz einer fantastischen, zukünftigen Welt so elegant mit den Wurzeln unserer christlichen Kultur, dass sich die Leserschaft genau in der Mitte wiederfindet: in den gesellschaftlichen und zugleich geistlichen Fragestellungen, die heute geklärt werden müssen, wenn es ein Morgen des Glaubens geben soll.

    Da mag sich Hieronymus noch so sehr aufregen, einer hätte schmunzelnd in seinem Sessel gesessen, und anerkennend genickt: C.S. Lewis. Und dann hätte er schnell weitergelesen, um herauszufinden, wie die spannende Geschichte wohl ausgeht.

    „Die Siedler von Vulgata”, für die der Autor heute als erster deutscher Schriftsteller den C.S. Lewis-Preis erhält, entpuppen sich als Gleichnis, als „Bilderbuch der Sehnsucht” nach einem tragfähigen Verständnis von Glaube, Liebe und Hoffnung.

   Sie projizieren einen in der Gegenwart so nötigen Selbstfindungsprozess in die Zukunft und nehmen ihm damit die Schwere des Hier und Jetzt. So kann aus einem scheinbar phantastischen Märchen aus dem Jahr 4931 nach Christus eine Mahnung für die aktuelle Realität werden.

   Geistliches Selbstbewusstsein verdient einen Preis. Und wenn Titus Müller das Siedlerunwesen in Vulgata ganz selbstverständlich so beschreibt, dass man darin die ganzen Ecken und Kanten unserer allzumenschlichen und oftmals so spröden Gemeindekulturen wiederfindet, dann ist das mehr als selbstbewusst.

   Es ist gottbewusst. Mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit nutzt der Autor die von Brecht so gepriesene Kunst des Verfremdens, die es ermöglicht, im Schutz der Belletristik das auszudrücken, was man in den verfestigten Strukturen des Alltags nur selten zu sagen vermag.

   Da wird Literatur auf einmal zu einem herausfordernden Diskussionsbeitrag zum kirchlichen Kulturkampf der Gegenwart. Ein schöngeistiger Angriff mit Augenzwinkern: „Fühlt ihr euch ans Schienbein getreten? Aber wie denn, ich bin doch nur ein Spiel, nur eine Geschichte.”

   Die Siedler von Vulgata leben auf ihrem Planeten – den Amish People gleich – in einer traditionalistischen Gegenwelt, die der Technik und der Kultur ihrer Zeit abgeschworen hat, um die Illusion eines heiligen Ghettos zu pflegen.

   Und sie nehmen nicht wahr, dass das, was sie als „Reich Gottes” empfinden und verkünden, in seiner Fremdheit gegenüber den Menschen gerade dieses Prädikat immer mehr verliert.

   „Warum all diese Gebote, Verbote, Restriktionen!” fragt Arrick, der zweifelnde Protagonist, der nicht länger einfach nur hinnehmen, sondern verstehen will, warum er glauben soll, was man ihm vorschreibt.

   Und er erhält vom Patriarchen eine Antwort, die einen fragenden Verstand nie und nimmer zufrieden stellen kann: „Unsere Urväter haben das so bestimmt, und seitdem halten wir uns daran.” Kein Wunder, dass Arrick ob seiner Aufmüpfigkeit aus der Gemeinschaft verstoßen wird.

   Charmant und zugleich entlarvend nutzt Titus Müller all die wundersamen Beschreibungen dieser eigentlich gar nicht so fernen Siedlung Vulgata, um so manchen Vertretern der heutigen und der vergangenen Christenheit einen Spiegel vorzuhalten.

   Die Menschen, die Häuser, das Dorf, fast alles wird zu einem Bild für das Missverstehen der guten Nachricht, für die Verstocktheit, die mit guter Absicht Schlechtes tut und aus religiösem Übereifer bestimmende Strukturen über das Leben stellt, die längst sinnentleert sind – wie überall übrigens aus der perfiden Angst, mit den alten Strukturen könnte auch der Inhalt verloren gehen.

   Jede Familie der Siedlung trägt den Namen eines biblischen Buches, geheiratet werden darf nur in ein möglichst nahegelegenes Buch. Strikt verboten ist die Heirat über Testamentsgrenzen hinweg, ja, quer durch das Dorf läuft ein Wall, der die Häuser des Alten Testamentes von denen des Neuen trennt – nur am Markttag gibt es ein eher widerwilliges Begegnen der beiden Bünde.

   Eigentlich ist alles in diesem Dorf voller Mauern und Grenzen – man weiß nur manchmal nicht, welche fester sind: die gemauerten oder die in den Köpfen. Und wenn sich Arrick darüber aufregt, dass die Gottesdienste in einer altertümlichen Sprache abgehalten werden, die „die Siedler vor neunhundert Jahren gesprochen hatten”, dann sieht man als Leser unwillkürlich den eigenen Gemeindegottes-
dienst vor Augen: Kino im Kopf, ein Film, der plötzlich gar nicht mehr auf einem anderen Planeten spielt.

   Arrick, der Dinge fragt, die man nicht fragen darf, wird aus der Siedlung ausgeschlossen und begegnet darum als erster einer Gruppe von Flüchtlingen, die um Asyl bitten, ästhetisch abstoßende Kreaturen, die zum Stolperstein der Nächstenliebe werden.

   Nun müssen sich – eigentlich zum ersten Mal – die jeweiligen Glaubenszugänge in der Praxis bewähren. Denn wenn die Siedler die Fremden tatsächlich aufnehmen, bringen sie sich selbst in Gefahr.

   Der Patriarch von Vulgata, Vertreter und Sinnbild der Alten Welt, der nicht davor zurückschreckt, seine eigene Tochter zu verbannen, nur um die Ordnung aufrecht zu erhalten, will die Gemeinschaft schützen – wenn es sein muss auch vor der Nächstenliebe. Arrick dagegen, dem es gelungen ist, aus einem Speicher die Bibel zu stehlen und im Original zu lesen, verweist auf das Leben Jesu. Und – schließlich gehen solche Geschichten ja gut aus – er behält Recht.

   Auch hier denkt man sofort an die real existierende Praxis im Christentum der Gegenwart. Etwa an die aufmüpfige Theatergruppe aus Süddeutschland, die als Obdachlose verkleidete Schauspieler in Gottesdienste schickte, um erwartungsgemäß festzustellen, dass diese immer nur als störende Eindringlinge betrachtet wurden, die vor allem eines nicht sollten: das Ritual unterbrechen.

   In den Kostümen der Außerirdischen stecken so nicht nur lauter irdische Konflikte, die unterhaltsame Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Siedlung Vulgata kommt am Ende fast einer Katharsis gleich: Leserinnen und Leser entdecken, dass etwas in ihnen natürlich davon bedroht ist, gleichfalls den Gesetzen dieser sturen Welt zu unterliegen.

   Doch weil es Arrick gelingt, das Feste aufzubrechen, verbrennt im Showdown der Geschichte mit dem Patriarchen auch etwas von unserer Enge.


   Geistliches Selbstbewusstsein verdient einen Preis. Weil sie das Spiel der Phantasie nutzt, um den Himmel auf Erden zu holen. Titus Müller nutzt die fantastische Welt von Vulgata, um uns auf die Gefahren unserer eigenen hinzuweisen. Auf eine Gesellschaft, die den einzelnen nicht mehr wahrnimmt – und auf ein Bibelverständnis, dass nicht befreit, sondern gefangen nimmt.

   Somit liefert er Mosaiksteine für die Vision einer Welt, in der der christliche Glaube das Leben fördert.

   Der C.S. Lewis-Preis wird Schriftstellerinnen und Schriftstellern verliehen, die als literarische Erben des großen Romanciers und theologischen Denkers ihre literarische Kunst nutzen, um sich mit Fragen des Glaubens auseinander zu setzen.

   Dabei soll deutlich werden, dass Glauben gerade in der Postmoderne zunehmend an Relevanz gewinnt. Die Sinnfrage schleicht sich zurück ins Zentrum der Selbstwahrnehmung – zugleich wächst aber die Empfindlichkeit gegenüber allzu platten, vereinfachenden, dualistischen oder apodiktischen Antworten. Hier kann und soll die Literatur vermitteln. Liebevoll, verheißungsvoll und zukunftsträchtig – vor allem aber mit dem Erfahrungsschatz ihrer „kleinen Schöpfer am Schreibtisch”.

   Geschichten können auf unverkrampfte Weise verdeutlichen, warum es sinnvoll bleibt, nach den Dimensionen des Glaubens im eigenen Leben zu fragen.

   Wie das geht, hat der Preisträger auf berückende Weise deutlich gemacht: Mit einem Roman, den man auf den ersten Blick – auch als völlig von Kirche und Glauben Distanzierter – als spannenden und detailfrechen Science-Fiction-Text lesen kann, der aber auf beim Lesen auf geistliche Fragen aufmerksam macht, denen keiner entkommen kann. Fragen, die deutlich machen:

   Mit dem Lesen ist es nicht vorbei – das Gelesene wird in mir weiterarbeiten. Die vermeintliche „Dreistigkeit” von Titus Müller entpuppt sich plötzlich als geniale Umsetzung der Preisidee: Man kann so selbstverständlich – ohne Scheu, Angst oder Verkrampftheit – vom Glauben reden, dass genau diese Natürlichkeit zu einer großen Einladung wird:

   „Tretet ein in die theologische und gesellschaftliche Diskussion”. Das hätte C.S. Lewis große Freude bereitet.

Geistliches Selbstbewusstsein verdient einen Preis. Hier ist er! Herzlichen Glückwunsch.
 
   
     
 
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